| |
-
- Vorausschickend sei darauf hingewiesen,
dass Kuwabara Takeo seine Sorge über die ‘dilettantische’
Haiku-Dichtung im damaligen Japan im Jahre 1946 zum Ausdruck bringen wollte. Er konnte naturgemäß nichts von
einer Renaissance der modernen Kurzlyrik in Japan und der kulturellen und künstlerischen
‘Globalisierung’ unserer Zeit wissen. Manch ein Kritiker hat sich mit seinem ‘Kunst’-Urteil
schon zu weit aus dem Fenster gelehnt und musste später eingestehen, dass
Kunstströmungen nicht immer nur Zeitgeistblasen oder Mysterien-Kults sind, sondern als Kunst Bestand hatten - so irrte auch Kuwabara Takeo.
- Was hat Kuwabara Takeo gemacht? Er mischte
fünfzehn Haiku von Meistern und von Hobbydichtern durcheinander, strich
die Namen der Autoren und präsentierte diese Auswahl einer autorisierten
Jury. Diese Jury tat sich äußerst schwer, klare
"Qualitätsunterschiede zwischen den Produkten berühmter Meister und
Laien-Poeten festzustellen", gar einem Autor die "lyrische
Begabung" abzusprechen.
- Das Ergebnis seiner Haiku-Analyse ist das
Essay "Haiku - eine Kunst zweiten Ranges". Ich nutze die
polemischen Äußerungen Kuwabara Takeos, die unbestreitbar einen gewissen
Unterhaltungswert haben, für eine Gegenpolemik, möchte aber dann mit den
wirklich wertvollen Hinweisen Kuwabara Takeos für ein besseres Haiku schließen.
-
- "Wird man wirklich annehmen
dürfen, daß diese Art von Beschäftigungstherapie vom modernen Menschen
als Kunst akzeptiert wird - als Kunst, die ihn innerlich bewegen und
erschüttern soll? Wird man es nicht eher als gewissenlosen Sprachgebrauch
ansehen müssen, wenn dieses Genre - ebenso wie der Roman oder das moderne
Schauspiel - als ‘Kunst’ bezeichnet wird?"
-
- "Kunst", so mein
dtv-Lexikon, "ist die schöpferisch gestaltende Umsetzung innerer
und äußerer Erfahrungsinhalte in ein diese transzendierendes Werk, das
vom Betrachter als ästhetischer Wert empfunden wird..." und weiter: "Als
Wurzel der Kunst gilt die Einbildungskraft, die Imagination, die Fantasie,
die Kreativität, d.h. die schöpferische Kraft des Künstlers, die das
allgemeinmenschliche ästhetische Bewußtsein des Kunst-Aufnehmenden
anspricht. Diesem vermittelt das Kunstwerk durch seine besonders die Sinne
ansprechende Anschaulichkeit die ästhetische Erkenntnis des
Wirklichen.(...)"
-
- Die Kunst umfasst Dichtung, Musik, bildende Kunst,darstellende und ausübende Kunst. Die enorme Vielfalt der Dichtung macht
eine literaturwissenschaftliche Klassifizierung fast unmöglich. Konsens
ist, dass Literatur Sprachkunst ist. Also muss die Kurzlyrik, die in
vielen Sprachen dieser Welt entsteht, Kunst sein - wenn, ja wenn sie all
diesen Forderungen gerecht wird.
- Wie auf allen Gebieten der bildenden Kunst
und der Literatur gibt es gute und schlechte Kunst und Werke, die das
Prädikat ‘Kunst’ nicht verdienen. Nichts Anderes gilt für die
Künstler der Kurzlyrik in der Tradition japanischer Gedichtformen. Aber den
Texten der modernen Kurzlyrik generell (!!) die künstlerische Qualität
abzusprechen, bzw. sie zur Kunst zweiten Ranges zu degradieren, ist schon
abenteuerlich.
- Es gibt sie nicht, die ‘bisschen
Kunst’. Entweder ein Text erfüllt die Bewertungskriterien für ein
Kunstwerk, und zwar für die kürzeste Form der Dichtkunst in der
Literaturgeschichte, oder ein Text erfüllt sie nicht.
- Kuwabara Takeo widerspricht sich genau in
diesem grundsätzlichen Urteil selber. Man hat ihm vorgeworfen, der Grund
seines so vernichtenden Urteils über eine ganze Lyrikform liege darin,
dass er nie selber Haiku geschrieben habe. Er antwortete darauf mit den
Worten:
-
- "Es sei töricht, wollte man eine
Kritik über einen Roman, eine Skulptur, ein Musikstück oder einen Film
nur dem zugestehen, der selber schon einen Roman geschrieben, eine
Skulptur aus dem Stein geschlagen, eine Sinfonie komponiert oder einen
Film gedreht hat."
-
- Genauso töricht erscheint mir die
Fundamentalkritik, dass Romane oder Filme generell keine Kunst seien, weil
einige Autoren keine Künstler waren bzw. die Kriterien, auf die wir uns
für eine künstlerische Qualität geeinigt haben, nicht erfüllt haben.
-
- Kuwabara Takeo sagt:
-
- "Meistens liegt gesunden Kindern
wenig an den Traditionsthemen der Haiku-Dichtung: An Blumen und Vögeln,
Wind und Mond!"
-
- Die vielfältige und spannende Arbeit von
Pädagogen und Dichtern mit Kindern beweist die
Haltlosigkeit dieser spöttischen Bemerkung: Kinder-Haiku-Wettbewerbe
(1998 beteiligten sich 50.000 mehrheitlich gesunde Kinder an einem
internationalen Wettbewerb in Japan) und der Zulauf bzw. die Beteiligung
an Schreibwerkstätten in den Schulen (auf allen Kongressen und Symposien
wird immer wieder ausdrücklich darauf hingewiesen) zeugen von dem
gewachsenen Interesse und Verständnis auch gesunder Kinder für das Genre
der Kurzlyrik.
-
- "Und wenn ich diese Haikus lese,
fühle ich mich kaum musisch betroffen; ja, ich kann nicht einmal ein
Gefühl des Ärgernisses unterdrücken."
-
- Er schreibt ‘diese
Haikus’. Also will ich zugestehen, dass Kuwabara Takeo die schlechte
oder mittelmäßige Kurzlyrik meint. Das kann ich nachvollziehen. Aber es
gibt hervorragende Beispiele (eben nicht nur die der alten japanischen Meister) von
jungen und alten, von gesunden und erkrankten Autoren der modernen
Kurzlyrik, die einfach großartige Haiku oder Tanka - eben kleine
Kunstwerke sind.
- Sicherlich gehört auch die Bereitschaft
des Lesers (und des Kritikers) dazu, den Text zu durchdenken, zu
assoziieren und sich auf eine eigene, vielleicht sogar neue Sinnebene heben zu lassen.
- Kuwabara Takeo versucht die mangelnde
Qualität der Haiku bzw. ein fehlendes Kriterium, Haiku als Kunst zu
definieren, in der Tatsache zu finden, dass japanische Kurzlyrik seitenlang
kommentiert und erläutert werden muss, um verstanden zu werden. Dieses
könne nur an den "inneren Mängeln" der Texte liegen.
- Robert Gernhardt macht das in seinem
Gedichtband für sehr viele seiner Gedichte ausdrücklich lustvoll, heiter
und informativ und disqualifiziert seine Texte dadurch überhaupt nicht.
-
- "Haikus - das ist ihr
besonderes Kennzeichen - wären jedoch nicht voneinander zu unterscheiden,
versähe man sie nicht mit dem Namen ihres Verfassers." Das ist
natürlich kompletter Unsinn. Man darf sich nur nicht scheuen, den
schlechten Text eines Meisters als schlecht und das Gedicht eines
Hobbypoeten als fantastisch, als gelungen zu bezeichnen.
- (Haiku-Schulen und Gesellschaften, GB) "...sind
eher soziale Gebilde, wie die der mittelalterlichen Handwerkszünfte, in
denen sich eine Geheimniskrämerei herausbildet. Infolge dieser mystischen
Strömungen sucht man - trotz Unterordnung unter einen Großmeister der
Zunft - den Anschluß an eine überlieferte Autorität....ein solcher
Schutzheiliger ist Bashô für die Haiku-Dichtung." und "Sabi
(schlichte Eleganz), shiori (der zarte Nachklang des dichterischen
Erlebnisses) und kuromi (Nachempfinden der Vergänglichkeit) sind für die
Haiku-Dichter Worte der heiligen Sutras."
-
- Hier will ich ein weiteres Mal darauf
hinweisen, dass Kuwabara Takeo - um seinen eigenen Hohn zu zitieren - ...als selbstgefälliger Kritiker des mittleren Ranges aus der Provinz
1946 noch nicht herauskommen konnte und sich mit sich selbst ein
Stelldichein gibt... Inzwischen ist das Haiku nämlich Weltkulturerbe geworden und
es gibt keine Schutzheiligen mehr. Eine Vielfalt von Strömungen haben die
moderne Kurzlyrik zu einer der spannendsten und kreativsten Gattungen der
Literatur gemacht.
-
- "In jeder Gemeinde eines
Mysterien-Kults müssen die Eingeweihten der höheren Grade die geheimen
Lehren ständig an die Novizen weitergeben."
-
- Ich bemühe
noch einmal mein dtv-Lexikon: Mysterien sind entweder geheime
religiöse Feiern, Mysterienspiele als Bezeichnung für geistliche Dramen
des Mittelalters oder Geheimkulte bei vielen Völkern oft mit
Initiationsfeiern oder mit Geheimbünden verknüpft und Mysterium kommt
von lat.;grch. Myterion, von myein ‘die Augen schließen.
-
- Spätestens hier wird klar, dass Kuwabara
Takeo etwas vorschnell mit griffigen Charakteristika bei der Hand war.
Denn gerade der Sinneseindruck, das Erlebnis in der Natur oder mit anderen
Menschen geschieht normalerweise mit offenen Augen. Haiku sind auch kein
Geheimnis, keine Geheimlehre oder wie im Christentum ein Mysterium vom
Reich Gottes, zum Beispiel des Erscheinens Jesu als Messias.
-
- "Es ist kennzeichnend für das
Haiku-Genre, daß in ihm nicht die geringsten Spuren von sozialem
Engagement zurückbleiben..." und "...Wer sich zum
Kreis der Haiku-Dichter rechnen will, muß vor allem von der Welt des
Alltags Abstand halten".
-
- Abgesehen davon, dass schon die alten
Meister (besonders Issa) sehr wohl die Welt des Alltages beschrieben
haben, wird die Flucht einiger Dichter vor dem Alltag heute, in der
modernen Kurzlyrik, zwar zur Kenntnis genommen und bedauert, aber nur noch
als marginal angesehen. Aber wie eingangs relativierend vorangestellt, konnte Takeo nicht wissen, dass heute auf den internationalen Kongressen und in den
Fachzeitschriften - im Internet sowieso - längst mit Erfolg
öffentlich dafür gestritten wird, dass die zeitgesnössischen Texte nicht mehr ausschließlich von
einem Natur- und Jahreszeitenbezug getragen werden. Und
es wird eben nicht ‘geheimes Wissen’ an die ‘Novizen’
weitergegeben.
-
- "Was soll denn bei der
Haiku-Dichtung ‘gemalt’ werden? Das Leben mit Phänomenen der Natur
und ihren Jahreszeiten. Das heißt mit einfachen und klaren Worten:
vegetabilisches Leben."
-
- Vielleicht wollte der Übersetzer (oder
auch der Autor) eigentlich ‘Stillleben’ sagen und Haiku mit einem
‘Gurken-Aquarell’ vergleichen. Das wäre jetzt ungerecht, denn sicherlich trifft sein Vorwurf der Garten- und Wiesenlyrik auf ein große Gruppe der damaligen Haiku-Autoren zu.
-
- Kuwabara
Takeo:
- "Will man der Haiku-Dichtung
unbedingt den Titel ‘Kunst’ verleihen, so bezeichne man sie - im
Interesse einer eindeutigen Begriffsbestimmung dieses Genres -
als Kunst zweiten Ranges".
- und
- Diese Art, Gedichte zu schreiben,
mag für alte und kranke Menschen geeignet sein, die sich einer
Liebhaberei oder einem Zeitvertreib hingeben, weil sie sonst nichts zu tun
haben".
-
- Bashô bekommt vom Autor noch das
Prädikat "wertvoll" oder "Kunst ersten(!) Ranges",
aber alle Adepten der modernen Kurzlyrik - einschließlich seiner (Takeo-) Zeit - outen sich mit ihren Texten, als
müßige Freigänger eines Siechenheimes.
-
- Um den Aufsatz von Kuwabara Takeo nicht
als reine Polemik zu lesen, sondern konstruktiv seine unbestreitbare
Sachkenntnis zu nutzen, habe ich mich nicht gescheut, deutlich auf den
wesentlichen Gedankenfehler, nämlich das generelle Diskreditieren der
Haiku als Kunst zweiten Ranges durch den Autor, hinzuweisen, aber
andererseits möchte ich auch dankbar die schon 1946 bekannten und zu
Recht kritisierten Schwächen der Haiku-Dichtung aufgreifen und uns für
die moderne Kurzlyrik auch im Jahre 2000 wieder einmal vor Augen führen.
- Es ist nicht mehr die Stagnation in einer
mystifizierten Basho-Welt, sondern der nicht mehr angemessene Vergleich
moderner Texte mit den Gedichten, die zu einer völlig anderen Zeit und
von einem Dichter geschrieben wurden, der sozial und kulturell extrem
anders geprägt war, als heute die Autoren der nichtjapanischen Welt oder
des modernen Japans. Sicherlich sind Autoren auch heute noch in einigen
Texten ausschließlich auf blühende Sonnenuntergänge und die
mondbeschienene Winde fixiert. Aber immer mehr rücken die schon 1946 von
Kuwabara Takeo geforderten ‚weltlichen, sozialen und politischen
Bezüge‘ in das Zentrum, wenn nicht in das des gestalteten Textes so
doch in das der assoziierten Sinnebene. Schon lange kann man den Dichtern
unserer Zeit eine ‚Unempfindlichkeit gegenüber geistigen und sozialen
Zeitströmungen‘ nicht mehr unterstellen - im Gegenteil.
- Die Erstarrung der Metrik, d.h. in eine
unkritische Adaption des japanischen Morenschemas in ein nichtjapanischsprachiges Silbenschema ist von vielen Autoren beklagt und sprachwissenschaftlich ad
absurdum geführt worden. Eine Abweichung, bzw. national-sprachliche
Anpassung - Verringerung bzw. Erhöhung der Silbenzahl, gilt
in den Gralsburgen des Haiku immer noch als Sakrileg, das aber für die zeitgenössische Kreativität keines mehr ist ...
- Die Klarheit der Wortbedeutung ist ein
sehr wichtiger und hilfreicher Hinweis für die Qualität eines Textes der
Kurzlyrik. Erstens erspart er dem Autor indoktrinierende Erläuterungen
und zweitens befähigt nur ein klarer Text den Leser zur eigenen
Imagination, Assoziation und der ganz persönlichen Deutung, die den
Dreizeiler erst zum Haiku macht.
- Ein weiteres, wesentliches Qualitäts- und
Kunstkriterium sind die ästhetische Sprachgestaltung, der Rhythmus und
die ‘poetischen Ausdrucksmittel’ des Dichters.
- Für mich reduziert sich oft ein Gedicht,
bzw. die Aussage eines Mainstream-Gedichtes auf eine oder ganz wenige Zeilen.
Gestatten Sie mir ein wenig Größenwahn, ein ausgewähltes Gedicht von
Wolf Wondratscheck auf die Kürze eines Haiku zu bringen. Ich hoffe der
Autor hat Verständnis, dass ich den Versuch unternehme, dieses
fantastische Gedicht in die Welt der Kurzlyrik ‘zu übersetzen’. Nicht
umsonst überschreibt der Autor das ganze Kapitel mit dieser genialen
Zeile des Gedichtes:
- Das leise Lachen am Ohr eines
andern
|
- Endstation
- Ich stand an der Bushaltestelle
- und wartete;
- und als der Bus kam, stieg ich ein
- und wartete wieder.
- Vor mir kümmerte sich ein Mädchen
um ihren Kerl
- Und weil ich nichts zu tun hatte,
schaute ich zu
- Wie sie an seinem Hals hing und
manchmal nach hinten
- Schaute zu mir, der nach vorne
schaute zu ihr.
- Ich stand im Bus,
- schaukelte mit den Beinen die
Straße aus
- und dachte an gar nichts;
- irgendwann stieg ich aus, ging
nachhause
- und dachte
- >Es gibt nichts, was einen Mann
einsamer macht
- als das leise Lachen am Ohr eines
andern.<
-
- Wolf Wondratscheck
-
|
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Vor der Endstation:
- Das leise Lachen am Ohr
- eines anderen.
|
-
- Was ich deutlich machen will ist die
Tatsache, dass gerade die moderne Kurzlyrik in der Lage sein kann, den
Inhalt eines Textes, die Geschichte eines Gedichtes auch in drei Zeilen
darzustellen. Ich behaupte nicht, dass mir das gelungen ist, aber auch
während eines Atemzuges kann der Blitz einschlagen und
"Einbildungskraft, Imagination, die Phantasie, die Kreativität, d.h.
die schöpferische Kraft des Dichters" können auf den Leser
übergehen, wenn der Künstler diese Beobachtung macht und ihm dazu dieser
Satz einfällt...
-
-
Noch macht der Schlitten
eine Rostspur
den Hang hinauf
Martin Berner
-
- Für diesen besonders kurzen und
gelungenen Text wiederhole ich jetzt die Kriterien für ‘Kunst’:
-
- "Als Wurzel der Kunst gilt die
Einbildungskraft, die Imagination, die Phantasie, die Kreativität, d.h.
die schöpferische Kraft des Künstlers, die das allgemeinmenschliche
ästhetische Bewußtsein des Kunst-Aufnehmenden anspricht. Diesem
vermittelt das Kunstwerk durch seine besonders die Sinne ansprechende
Anschaulichkeit die ästhetische Erkenntnis des Wirklichen."
-
|
|