© Gerd Börner                                                                                                                                                                                                                                                                                      home

 

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Über die Ucker

 
     

 

 

es liest Detlef Bierstedt

Einmal im Jahr muss ich über den See schwimmen. Eigentlich verbreitert sich hier ein Fluss zu diesem wunderbaren See. Großmutter bestand damals darauf, dass ich mit Uckerwasser getauft werde und heute sagt mir der See, wie das Wetter wird, ob die Fische beißen oder ob es Zeit ist, wieder mal das andere Ufer zu besuchen.

Regungslos liegt der Sommermorgen auf dem Wasser und wie ein Storch setze ich vorsichtig die Füße in die glatte Stille. Dabei versuche ich, durch den Spiegel nach den Krebsen zu schauen, die rückwärts in das bodennahe Kraut flüchten. Als Jungen haben wir jeden Stein umgedreht, die Krebse von hinten blitzschnell mit der flachen Hand auf den Grund gedrückt und das stumm zappelnde Getier in einen kleinen Eimer zu den anderen Krebsen geworfen. Vom Ufer aus gesehen, geht der flache Badeteil des Sees tiefblau in den unergründlichen Abschnitt über. Deshalb nennen wir das tiefe Wasser auch „das Blaue“.

Inzwischen bin ich weit im Blauen. Das Wasser ist herrlich. Um mich herum schnalzt der See mit den Plötzen. Manchmal komme ich in eine kalte Strömung – dann ist mir, als spüre ich die Riesenwelse, die mich in den Abgrund ziehen wollen.

In der Mitte des Sees liegt die Burgwallinsel. Ein verschwiegenes Fleckchen, an dem ich mich aufwärme. Ich werfe einen Blick zurück auf das Dorf, in dem ich geboren wurde.

Es ist die alte Silhouette, aber der Schein trügt: Die Kirche ist geschlossen und in den vertrauten Häusern, die ich ausmachen kann, wohnen meine Jugendfreunde schon lange nicht mehr.

Der schmale Trampelpfad ist verschwunden und so tanze ich vorsichtig um hochgewachsene Brennnesseln auf die andere Seite der Insel.

Mit gleichmäßigen Zügen mache ich mich an den zweiten, weitaus kürzeren, Teil des Ausfluges. Bei den Binsen döst ein Angler in seinem Kahn. Als er mich heranschwimmen sieht, winkt er nur ab und ich mache einen großen Bogen um seine Pose, um an das weiche, sandige Ufer zu gelangen.

Eine lange Wolkenkette am eben noch so blauen Himmel lässt mich frösteln und ich tauche schnell zurück ins wärmere Wasser. Über den See höre ich den Zehn-Uhr-Zug – wie das Schlagen einer fernen Uhr.

 

Im Weidenschatten

still kosen Zweige den Fluss,

der nicht mehr heimkehrt