Shisan Pattern by John Carley, Renku Editor
(übertragen von Gerd Börner)
Das Shisan mit seinen nur 12 Versen ist die kompakteste Form der Renga/Renku-Dichtung. Der
bekannte - vor wenigen Jahren verstorbene - Renku-Poet Kaoru Kubota hat diese Form der Gemeinschaftsdichtung eingeführt.
Das Wort Shisan hat mehrere Deutungsmöglichkeiten:
„shi“ bedeutet „vier“ (vier Seiten) und „san“ bedeutet „drei“ (drei Verse pro Seite). Die chinesische Interpretation des
Zeichens für „shi“ (oder ’tamawari’) kann auch als „ein Geschenk von höherer Stelle“ und „san“ (oder ’bansankai’)
als Bankett oder ’Das Essen’ gelesen werden.
Trotz der Kompaktheit des Shisan ist diese Gemeinschaftsarbeit eine Einladung einem ganz besonderen Kompositionsstil zu folgen:
Das Shisan beinhaltet vier Schreibblätter:
Einleitung (jo), Entwicklung Teil 1(ha1), Entwicklung
Teil 2(ha2) und (rasanter) Schluss(kyu)
Jedes Blatt enthält drei Verse in denen eine der vier Jahreszeiten vorkommt. Das Kettengedicht beginnt mit der Jahreszeit, in der sich die
Autoren treffen bzw. die Korrespondenz startet und folgt dann dem natürlichen Kalender. Üblicherweise können dem Frühling und dem Herbst (den „Hauptjahreszeiten“) zwei Verse gewidmet
sein, Sommer und Winter treten nur mit je einem Vers pro Blatt auf.
Die festen Themen ‚Mond’, ‚Blüte’ und ‚Liebe’ erscheinen nur einmal!
Relativ oft wird das Liebesthema über zwei Verse ausgedehnt. Wegen der Fülle von Möglichkeiten und gedanklichen Verbindungen tendiert man
eher dazu ‚Mond’ und ‚Blüte’ in den entsprechenden Jahreszeiten vorkommen auftreten zu lassen - siehe oben:
„Sommer und Winter treten nur mit je einem Vers pro Blatt auf“ – also den Mond im Herbst und die Blüte im Frühling. Das ist allerdings keine unabdingbare Voraussetzung.
Das Shisan folgt dem traditionellen ‘jo-ha-kyu’-Rhythmus und berücksichtigt den besonderen
Status des hokku, wakiki, daisan und ageku. Bei dieser Gemeinschaftsdichtung entstehen (notwendigerweise) bestimmte Konflikte: Es ist extrem schwierig den
ruhigen Ton über die gesamte Einleitung (jo) einzuhalten, wenn alle drei einzelnen Verse hokku, wakiku und daisan ihre eigenen, ganz speziellen Kompositionsrichtlinien haben. Das gilt besonders für den dritten Vers der Einleitung, dem daisan, der
einerseits seine „break away“- Funktion von dem fest gefügten Verspaar (hokku und wakiku) erfüllen muss und andererseits das Gefühl einer Pause markieren sollte, um das Ende der Einleitung deutlich werden zu lassen.
Die Autoren eines Shisan sind verpflichtet den Teil 1 der Entwicklung und den Schluss mit einem Zweizeiler (short verse oder jap. tanku)
zu eröffnen. Normalerweise startet man in die Entwicklung in anderen Kettengedichten immer mit einem Dreizeiler (long verse oder jap. chouku). Der
Start mit einem Zweizeiler soll sich wohltuend unterscheiden von dem angeblich eher gebieterischen Dreizeiler-Start einer Entwicklung.
Auf den ersten Blick scheint es sehr einfach, bzgl. der Jahreszeiten dem natürlichen Kalender zu folgen. In der Praxis erweist es sich aber
bald als schwierig, eine klare Lücke ohne Jahreszeitenbezug (Verschiedenes, jap. zo) zu etablieren. Deshalb hat es sich durchgesetzt, zeitlich
folgerichtige Bezüge in die Räume zwischen den Jahreszeiten einzufügen.
Der äußerst wichtige Frühling ist nicht länger mehr das Thema des Finalsatzes und das altehrwürdige Paar Frühling – Blüte (hana
no za) und der Endvers (ageku) können nicht länger einen anmutigen Abschluss garantieren.
Die grundlegende Dynamik durch ‚link and shift’ wird zur Nebensache. Der Wunsch möglichst
viele Themen (shudai) und Gegenstände, Materialien (sozai) einzubringen, zwingt die Autoren zu einem sehr losen bzw. fehlenden linkage. Es kann kaum verhindert werden, dass jedes Blatt ähnlich gestaltete Themen aufweist.
Das Shisan ist eine Herausforderung, aber die Schwierigkeiten sollten nicht überbetont werden. Die 36 Strophen des klassischen Kasen sind
auch keine Garantie für eine erfolgreiche Arbeit. Renga/Renku ist Poesie und keine rationale Verkettung. Die etwas steifen Regeln des Shisan sind eine Einladung an den Sabaki und die Teilnehmer
der Gemeinschaftsdichtung gleichermaßen spannende und kreative Lösungen zu finden.