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Waechters Katze
 
 
 
Es kam nur ein Ortstermin in Betracht. Mein Psychologe, Dr. Hampel, hatte nur ungern zugesagt, mich einmal zu begleiten. Jetzt führte ich ihn in den schmalen, länglich geschnittenen Raum.
Dieses Zimmer hatte ich geliebt, es war mein Zimmer. Hier hatte ich die schönsten Stunden meines Lebens zugebracht. Hier hatte ich die Wonnen der ersten Liebe erfahren, meine Lieblingsmusik gehört, in Büchern gestöbert und mit Freunden Tee getrunken. Es war mein Refugium.
Heute sträubte sich alles in mir, diesen Raum zu betreten. Aber es musste sein, der Arzt sollte sich ein Bild machen über die vermeintlichen Ursachen meiner, wie er sich ausdrückte, neuro - vegetativen Dysregulation...
Vor vielen Jahren war ich mit meiner Familie von Berlin nach Berlin gezogen. Damals stand diese Mauer noch zwischen der Doppelstadt, die dann endlich eingetreten wurde. Aber mein Psychologe ist der Meinung, dass in meinem Kopf dieses Monstrum immer noch vorhanden ist.
Inzwischen bin ich viele Male wieder hier gewesen. Das Zimmer hatte sich völlig verändert, auch die Stimmung, die dieser Raum ausstrahlte, die Geräusche, das Licht...
Als ich jetzt langsam die Türklinke herunterdrückte, fühlte ich wieder diesen Angstschweiß auf meiner Stirn und an den Händen. Ich schauderte leicht und eine Gänsehaut überzog meinen Nacken. Ich öffnete leise die Tür und der neugierig gewordene Psychologe folgte mir.
Was sich unseren Blicken bot, war genau das, was ich meinem Arzt zeigen wollte: Das Zimmer war fast leer. Nur im letzten Drittel des Raumes standen zwei Stühle mit den Sitzflächen gegeneinander gestellt. Die Szenerie war von einer kleinen Lampe beleuchtet, die von der weiß getünchten Decke hing.
Aber das war es, die Sitzflächen berührten sich eben nicht, sondern es war ein Abstand gelassen. Mein Herz ging jetzt schneller, ich ergriff etwas hilflos den Arm des Arztes, der beruhigend meine Hand drückte.
Eine weiße Katze thronte zwischen den Stühlen und starrte die Eindringlinge unverwandt an.
„Dort, zwischen den Stühlen, hockt ein Drache." flüsterte ich verzweifelt.
„Dieses feine Lächeln zwischen den Schnurrhaaren und dann dieser vorwurfsvolle Blick ...ich halte das nicht länger aus. Es ist kein Drache , es ist Gott selber..." flüsterte ich aufgeregt vor mich hin.
Das Gesicht der Katze war im Gegensatz zum hellen Rückenfell etwas im Dunkeln geblieben. Ihre Augen spiegelten den grünen Schimmer des spärlichen Lichts. Die Deckenbeleuchtung warf den unscharfen Schatten eines Drachen auf den alten Parkettfußboden. Dr. Hampel starrte wie gebannt auf diesen Schattenriss. Er hatte meinen verzweifelten Hinweis schon gar nicht mehr wahrgenommen.
Plötzlich zwängte sich eine Maus durch ein Loch in den morschen Dielen und blickte um sich. Die Katze – ich kannte ihren Namen nicht - hatte millimetergenau die Beute geortet. Ihre Ohren zuckten unmerklich und ihre Nase witterte die Beute.
Auch die Maus hatte jetzt die Gefahr erkannt und hätte sich retten können, wenn sie in das sichere Dunkel unter die Dielen zurückgetaucht wäre. Aber sie floh an der Wand der leeren Stube entlang. Alles Weitere war eine Sache von Sekunden. Starr vor Schrecken, hatte ich fast das Atmen vergessen und dann passierte es: Durch den Körper des Psychologen ging ein Ruck. Er schlug sich lächelnd an die Stirn. Sein Lächeln wurde jetzt breiter. Er strahlte etwas entrückt, lachte, lachte lauter, wie befreit. Sein Lachen steigerte sich fast unmäßig und erfasste seinen ganzen Körper. Ich schaute entgeistert auf den Arzt, dessen irres Lachen inzwischen in haltloses Weinen übergegangen war.
Das Trommeln des Regens drang jetzt wieder an mein Ohr und ich hatte plötzlich furchtbaren Hunger. Ich hätte mich gerne hingesetzt, wenn da nicht schon wieder Gott säße.
 
GB 1997