IDEEDITION
Kurzlyrik
Erläuterungen zur Kurzlyrik
Haiku      Haiga      Haibun      Tanka      Renga/Renku     
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Wurzeln und Rezeption
Aus der altchinesischen Tradition stammt das vierteilige Quatrain. Die Japaner haben es für sich als fünfteiliges japanisches Lied (uta) eingeführt. Aus dem uta entwickelte sich das japanische Gedicht (waka), das schließlich zum tanka  (kurzes Gedicht mit Anmut) wurde.  
Weil die chinesische Poesie auf Parallelismus basierte, gibt es zwei Teile der Tankaform: den oberen dreizeiligen Teil (kami no ku) und den unteren zweizeiligen Teil (shimo no ku).
Seit der Zeit, als man begann, die beiden Teile des Tanka von zwei Autoren zu schreiben, spricht man von tan renga, was so viel bedeutet wie kurzes Kettengedicht. Das tan renga wurde alsbald weiter gedichtet - die selben oder weitere Autoren hängten Strophe an Strophe und das renga, das Kettengedicht entstand. (Zum renga - siehe ebenda)
Der Ehrengast, meistens der durchs Land ziehende renga Meister, hatte die Ehre, den Startvers der gemeinsamen Kette zu schreiben. Dieser Vers konnte – im Gegensatz zu allen anderen folgenden Versen - geschrieben sein, ohne auf eine vorhergehende Strophe Bezug nehmen zu müssen. Matsuo Bashô (1644-1694) war einer der berühmtesten Renga-Meister seiner Zeit. Wie alle Renga Meister bereitete er sich auf die Gemeinschaftsdichtungen vor: Er schrieb in seinen freien Stunden eine Vielzahl von hokku, die er in seinen  berühmten Heften sammelte, um sie dann bei passender Gelegenheit, bei der nächsten Einladung als Starvers nutzen zu können. Diese herausragende Bedeutung des hokku bedeutete einen neuen wichtigen Schritt in der Geschichte der japanischen Poesie.
Der in Matsujama lebende Journalist Masaoka Shiki (1867-1902) aber, also fast zweihundert Jahre später, gab diesem Gedicht seinen heute weltweit bekannten Namen haiku (haikai no hokku). Inzwischen ist das Haiku wohl die bekannteste Gedichtform der Kurzlyrik, die in Japan entwickelt und in nahezu allen nichtjapanischen Literaturen Nachbildungen hervorgebracht hat.
Tradition und Moderne
 
Es gibt kongeniale Übertragungen von japanischen Haiku in die nichtjapanischen Sprachen dieser Welt, durch die wir mit der kürzesten Gedichtform der Weltliteratur erst bekannt gemacht wurden. Also ist es nur eine logische Folge, dass auch gattungsspezifische Schöpfungen von nichtjapanischsprachigen Haiku entstanden sind. Während sich das japanische Haiku in seiner traditionellen Ausprägung noch streng auf die Beobachtung eines Naturereignisses beschränkt war und einen direkten Bezug zu den Jahrezeiten und damit zu den vier Abschnittes des Lebens  herstellte, beschreiben zeitgenössische Haiku-Autoren - allerdings auch schon manch ein japanischer Meisterdichter - auch das menschliche Miteinander in der Gesamtheit unseres Seins und unserer natürlichen Umgebung. Sie stellen einen eher indirekten Bezug zu den Jahreszeiten her und verwenden andere Schlüsselwörter und Schlüsselthemen aus ihrem kulturellen Lebensumfeld. Nichtjapanischsprachige Autoren schreiben keine japanischen Haiku, aber sie schreiben Haiku, die den Geist der japanischen Haiku-Poesie atmen. Nach dem Lesen eines Textes sollte aus der Stille des Nachhalls der Moment erlebt werden, in dem die Zeit oder die Ewigkeit kurz angehalten wird und zwischen Autor und Leser haiku passiert.
 
Prägnanz und Silbenschema
 
Mit äußerster Prägnanz sollte im Ungesagten das Unsagbare gesagt werden(Toyotama Tsuno alias Manfred Hausmann).  Die karge Beschreibung eines Ereignisses, so wie es sich dem Beobachter darbietet, ohne Belehrung, ohne Vorinterpretationen oder erklärende Wendungen verschaffen dem Leser den Freiraum und das Vergnügen, in die Tiefe der Assoziationswelt des Autors zu treten und schlaglichtartig in der kurzen Begegnung mit der Natur oder im gesellschaftlichen Leben das zu entdecken, was im Text eben nicht ausgesprochen wurde. Jedes Wort sollte nur die Bedeutung haben, die ihm zukommt. Jedes künstliche Auffüllen der Zeilen mit unnötigen Worten, die nur dem traditionell japanischen – also uns sprachfremden – Silbenschema geschuldet sind, sollte vermieden werden. Der Text sollte in einfachen und klaren Worten abgefasst sein, deren Inhalt der Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit dienen.
Einerseits plädiere ich für ein fundiertes Wissen und das Verständnis für die tiefe Verwurzelung des traditionellen“ Silbenschemas in der japanischen Sprache, andererseits aber für ein dem Inhalt des Haiku dienenden Silbenschema (organic form, Dhugal) und favorisiere deshalb das freie Format – bejahe aber unbedingt ein Nebeneinander von Haiku im traditionellem Silbenschema und Haiku im freien Format.
shasei und Subjektivität im Haiku
 
Die wirklichkeitsgetreue Darstellung einer Beobachtung in der Natur oder im menschlichen Miteinander bezeichneten die chinesischen Maler als shasei. Dieser strenge Realismus ohne deutende Beigaben verzichtet bewusst auf subjektive Farbtupfer und Interpretationen und wurde so auch zum wesentlichen Merkmal für unsere Kurzgedichte, die Momentaufnahmen gleichen.
Dhugal Lindsay differenziert den Begriff shasei noch mit der Handhabung eines Fotoapparates. Während der Schnappschuss das „objektive shasei“ bedeute, werde ein Bild, aufgenommen mit Zwischenringen oder Filter, zum „subjektiven shasei“. Shiki „skizziert“ das reale Leben (sketching from life) so, wie es ist, und überpointiert eher das objektive shasei. Ich konzentriere mich auch auf die Augenblickserfahrung - nutze aber beide Strategien der Beschreibung einer Szenerie: Das objektiv realistische Haiku in der Tradition des shasei und die subjektiv gefärbten Texte. Es gibt sie nicht -  die einzige und alleinige Essenz für das Haiku. Die Subjektivität im Haiku, seine reflexiven, gedanklich emotionalen Anspielungen werden besonders deutlich in Texten, die unser Zusammenleben thematisieren.
 
Nachhall
 
Durch den Nachhall, das lingering echo of  feeling,  entsteht ein  gemeinsames Assoziations-Gefühl, der Text transzendiert und die gegenständliche Beobachtung oder die Selbsterfahrung geht in einen anderen, auch philosophischen Bereich über. Besonders gelungen sind Texte, die andere Sinne ansprechen als im Text beschrieben wurden (Synästhesie).
 
Weltkulturerbe
 
Durch das Internet hat sich die Haiku-Dichtung zu der ersten Literaturgattung entwickelt und etabliert, die rund um den Erdball, in allen Kulturen und in allen Sprachen begeistert angenommen und Bestandteil der nationalen Literaturen wurde. Diese Globalisierung einer Gedichtform ist einmalig in der Literaturgeschichte. Das Haiku ist Weltkulturerbe geworden  und durch die Internationalisierung dieser Gedichtform empfängt das Haiku aus vielen Kulturen und Sprachen kreative Impulse. Eine Vielfalt von Strömungen wird die moderne Kurzlyrik zu einer der spannendsten und kreativsten Gattungen der Literatur im 21. Jahrhundert machen. Allerdings müssen wir uns auch der Gefahren einer globalen Adaption dieser ursprünglich rein japanischen Lyrikform bewusst sein. Es wird nie das ‘Welthaiku’ geben, das nur englischsprachig und im Internet präsent ist. Die Menschen dieser Erde sprechen die unterschiedlichsten Sprachen, leben in den unterschiedlichsten Klimazonen und Kulturen, reagieren auf völlig andere Schlüsselwörter oder Schlüsselthemen, als sie im klassischen Haiku einmal vorgedacht waren. Diese Menschen beschreiben das Wunder des Augenblicks in der Natur und all das, was menschlich erfahrbar ist, um dieses wenigstens für einen Atemzug mit dem Leser zu teilen. Nur in der nationalsprachigen Ausprägung unserer realen Welt erleben wir die kulturnahe Kreativität und die moderne Vielfalt und Frische der Haiku-Dichtung: gedruckt, gelesen gesprochen und sogar besungen.