Rezension: Schwerelos gleiten. Slipping through water von Ruth Franke zurück
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Das neue Buch von
Ruth Franke ist ein literarisches Ereignis. Die bekannte Haibun-Autorin gleitet
in ihrer Kurzprosa literarisch durch die vier Abschnitte ihres Lebens (Die alten Pfade, Lange Schatten, Meer und
Träume, Herbststürme) und verbindet diese Wegstrecken mit ihren bildhaften
und einfühlsamen Haiku. Programmatisch weist ein Zitat von William Blake, das
sie ihren Texten vorangestellt hat, auf die Pforten der Wahrnehmung und auf die
Orte, an denen uns Haiku begegnet - zwischen den Farbkübeln, im leichten Regen
oder in Urgroßvaters Uhr. Man könnte meinen, dass William Blake in dem ganzen
Buch mit seinem Glauben in die Kraft der Phantasie und in die Überlegenheit von
Gefühlen präsent ist. So wie in Frankes Haibun, Haikai-Prosa und
Haikai-Poesie korrespondieren, aber sich nicht gegenseitig interpretieren,
sondern sich zum Vergnügen des Lesers auf einer neuen Ebene treffen, so sensibel
hat die Autorin auch die Bilder des Kreuzberger Malers , Reinhard Stangl, in
das Buch als visuelle Parallelwelt integriert (Werner Reichhold). So
interpretiert auch das Umschlagbild von Stangl auf wunderbare Weise den Titel
des Buches „Schwerlos gleiten/Slipping
Through Water“. Trotz der Vielfalt der Themen ist das Element Wasser und
die Liebe der Autorin zum Meer zentrales Motiv ihrer Kurzprosa. Besonders
deutlich wird das auch in den Werken von Stangl, mit denen Ruth Franke jedes
der vier Buchkapitel eröffnet. In der Titelgeschichte träumen wir mit der Autorin aus
dem Hallenbad zurück in das kleine Harzdorf, an den Glaswaldsee der Jugend. Sie
hat den See ganz für sich allein, sie lässt sich treiben und genießt das freie
Schwimmen unter dem Himmel und den Tannenwipfeln. Die Sehnsucht bleibt, immer so „leicht“ - wie ein
Fisch - schwimmen zu können, auch wenn die „Wassergeister“ am Beckenrand sie
für heute aus ihren Träumen reißen.
In dem Vorwort zu diesem Buch schreibt Jim Kacian: „Ruth Franke ruft die Ereignisse ihres Lebens
ins Gedächtnis zurück und sieht sie vor dem Hintergrund, was sie geprägt hat
(...)Die sich daraus entwickelnden Personen der Handlung hinterlassen eine
tiefere Spur als bloße Erinnerungen, sie spielen sich wirklich ab gegenüber dem
Mythos einer Zeit und Kultur, der immer noch geschrieben wird.“ Nehmen wir uns die Zeit, mit Ruth Franke die
Schauplätze ihres Lebens zu durchstreifen und fühlen uns in die ganz besondere
Atmosphäre ihrer Geschichten ein: Wir fliegen mit dem kleinen Nils Holgersson und den
Wildgänsen auf „ ihre Insel“ mit den reetgedeckten weißen Häusern, dem
graublauen Meer und dem weißen Strand am Watt, erleben mit ihr die Wehmut, weil
in den „Hohlen Weiden“ am Stadtrand von Braunschweig die Märchen und Mythen
nicht mehr gegenwärtig sind. Wir schmunzeln über das rege Liebespaar im Boot an
einem heißen Tag auf dem Bodensee oder wir besuchen Ruth an ihrem Sitio, ihrem Lieblingsplatz an dem sie
eins wird mit der Natur. Die Sprache der Autorin ist weder manieriert noch
konstruiert, sondern erfreut durch ihren unkomplizierten aber prägnanten
Duktus. Frankes Texte leben vom Rhythmus der Sätze. Die wohl durchdachten Wortstellungen
und Folgen von kurzen und sehr kurzen Sätzen mit den eingebetteten Haiku
ergeben eine exzellente Komposition von Klang und Bildern. Besonders die Haiku,
die das Haibun abschließen, bestechen dadurch, dass sie überraschende Deutungen
der Geschichten zu lassen oder mit ihrer kraftvollen Bildhaftigkeit und
Gegensätzen neue Dimensionen erschließen. Bei der Lektüre ihrer Haibun wird deutlich, wie
gekonnt Ruth Franke wesentliche Stilmittel der Haibun-Literatur einsetzt. Ihre
eingeflochtenen Liedtexte, Interjektionen, indirekte oder direkte Rede, Zitate,
Redewendungen und Anspielungen auf Geschichte und Literatur intensivieren die
Texte auf die gelungenste Weise. Mit Viola
Tricolor spannt Ruth Franke einen genialen
Bogen über wilde Stiefmütterchen zu „Les
pensées“, den Gedanken von Blaise Pascal und den ersten Schwalben. Ihr
„Gras“-Haibun erinnert an Bashos Sommergras,
das längst über Kriege und Massensterben gewachsen ist, diese Zeiten aber nicht
vergessen lässt – auch wenn inzwischen das weiche Gras für sehr friedliche
Zwecke genutzt wird. Die erschütternde Leichtigkeit des Textes in „Maikäfer flieg!“ geht unter die Haut… Was für ein seltsames Hobby hat der benachbarte
Studienrat? Warum kauft jemand zehn Tafeln Schokolade? Sind die Galoschen des
Glücks ein Andersen-Märchen, ein Traum oder wirklich erlebte tropische
Weihnachten, wenn so leise der Schnee rieselt? Was hat es mit dem
Kuschelroboter auf sich? Habe ich Sie neugierig gemacht…? Ein großes Vergnügen ist die
Zweisprachigkeit dieses Buches. Frankes Texte sind von zwei native speakers, dem britischen
Haiku-Dichter, David Cobb, und der britischen Malerin, Celia Brown, adäquat in die
englische Sprache übertragen worden. Das Nebeneinander der beiden Sprachen verstärkt
die Wirkung der Texte und bietet vereinzelt sogar neue Nuancen für den
Nachhall. Frankes Reverenz an Shikis zwiefachen Herbst führt direkt zu ihrem
persönlichen Credo:
Leider ist hier nicht der Platz, ein Haibun
vorzustellen. Lassen sie mich deshalb das Review mit dem berührenden final
haiku des Buches abschließen:
Ich empfehle Ihnen dieses schön gebundene Buch, das
graphisch professionell gestaltet ist und durch zurückhaltende Typografie und
höchste Bild- und Druckqualität auffällt. Das Buch von Ruth Franke hat die
Kraft und Qualität, die Energien und Phantasien des Lesers freizusetzen und der
literarischen Welt ein noch junges Genre der Kurzprosa vorzustellen.
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Erstveröffentlichung: Sommergras September 2010 |